Wege zur Qualität Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen

Wege zur Qualität · Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen

«Wir möchten vorbeugen, aber wie?»

Für Teams, die verstanden haben, was einen Bewohner und das Team an seine Grenzen bringt, und nun den Alltag so gestalten wollen, dass es seltener dazu kommt. Was in dieser Lage hilft, zusammengetragen aus der Fachliteratur und aus Wege zur Qualität. Die ausführliche Darstellung steht in Kapitel 3.

Kapitel3 Vorbeugen: die Beziehung gestaltenHilfsmittelGrundlagentext «Gelingende Beziehung»·Das Begleitkonzept als Vereinbarung·Betreuungsgespräch «Wenn wir einen Bewohner nicht mehr verstehen»

Wo das Team steht

Aus dem Verstehen ist ein Bild entstanden, und das soll in den Alltag einfliessen. Es geht um die Übergänge am Morgen, um die Mahlzeiten, um die Art, wie jemand angesprochen wird, um das, was ein Mensch braucht, damit er sich sicher fühlt. Die Mitarbeitenden wissen aus Erfahrung, dass an Tagen, an denen die Beziehung trägt, weniger geschieht.

Zugleich ist die Beziehung das Erste, was unter Druck leidet. Wer geschlagen oder gebissen wurde, hält Abstand. Wer Angst hat, wird kurz angebunden. Der Rückzug auf die Struktur, auf den festen Ablauf, auf das karge Zimmer, auf den vermiedenen Kontakt erscheint dann als das Sicherste. Genau so beschreibt die Forschung die Intensivbetreuung, und sie beschreibt auch, dass dieser Rückzug das Verhalten nicht seltener macht.

Dazu kommt, dass Vorbeugung nichts vorzuweisen hat. Die Krise, die nicht stattfindet, sieht niemand. Was ein Team im Alltag an Beziehung leistet, taucht in keiner Meldung auf, und wenn die Zeit knapp wird, ist es das, was zuerst wegfällt.

Was hilft

Die Beziehung ist die Vorbeugung

Die Fachliteratur ist hier eindeutig. Eine verlässliche und vertrauensvolle Beziehung beugt herausforderndem Verhalten vielfach vor, weil dieses Verhalten oft Ausdruck eines unbefriedigten Bedürfnisses nach Sicherheit ist. Die betreuten Menschen sagen es selbst, wenn man sie fragt. Was ihnen Sicherheit gibt, sind stabile Beziehungen, vertraute Bezugspersonen, verlässliche Abläufe und eine gute Zusammenarbeit zwischen den Menschen, die für sie zuständig sind. Für Wege zur Qualität ist die Beziehung nicht eine Massnahme unter anderen, sondern die Leistung selbst. Ein Team, das die Beziehung hält, hat den grössten Teil der Vorbeugung schon geleistet.

Das fachliche Wie steht in den Leitlinien

Die Leitlinien HEVE beschreiben in ihrem fünften Kapitel, worauf die Vorbeugung fachlich beruht. Das sind die Anpassung der Bedingungen aufgrund der funktionalen Analyse, die Orientierung an Entwicklung, Stärken und Bedürfnissen des Menschen, der bindungsfördernde Zugang, eine haltgebende Strukturierung von Raum, Zeit und Handlung sowie zusätzliche Angebote wie Therapien oder körperliche Betätigung. Sie nennen die Konzepte und ihre Quellen. Diese Website ersetzt das nicht, sie setzt es voraus. Was sie hinzufügt, ist das, was die Leitlinien voraussetzen und nicht ausführen. Das ist die Frage, wie ein Team die Zusammenarbeit gestaltet, damit die Beziehung hält, wenn sie schwierig wird, und wie es das Begleitkonzept versteht.

Nähe wagen, gemeinsam getragen

Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen erfahren ihre Umwelt oft nur über direkten Kontakt. Wer ihnen Nähe verwehrt, verwehrt ihnen den Zugang zur Welt. Die Fachliteratur plädiert deshalb für professionelle Nähe und beschreibt, wohin Richtlinien führen, die nur Distanz vorschreiben. Nähe wird für eine Mitarbeitende dort möglich, wo sie dem Menschen vertraut, wo sie sich vom Team und von der Leitung getragen weiss, und wo Team und Leitung ihr die Entscheidung in der Situation zutrauen. Fehlt eines davon, bleibt die Distanz. Nähe ist deshalb keine Frage des Mutes der Einzelnen, sondern eine Frage der Zusammenarbeit, und sie wird durch Vereinbarung geschützt, nicht durch Verbot. Für das Gespräch darüber im Team gibt es einen Grundlagentext mit Thesen.

→ Hilfsmittel: Grundlagentext «Gelingende Beziehung»

Das Begleitkonzept als Vereinbarung, nicht als Vorschrift

Aus dem Verstehen entsteht ein Begleitkonzept. Wege zur Qualität unterscheidet Regelungen, die für alle gelten, von solchen, die aus der Auseinandersetzung mit einer Situation entstehen und nur für diesen Fall gelten. Das Begleitkonzept ist von der zweiten Art. Es wird gemeinsam erarbeitet, mit dem Bewohner besprochen, soweit das möglich ist, und von den Zuständigen verantwortet. Es ist keine Vorschrift für die Begegnung, denn der Verlauf einer Begegnung lässt sich nicht vorherbestimmen. Die Mitarbeitende, die morgens vor der Zimmertür steht, hat das Konzept im Bewusstsein, nicht in der Hand. Sie handelt frei, und der Rückblick prüft die Wirkung.

→ Hilfsmittel: Das Begleitkonzept als Vereinbarung

Halt geben, ohne einzuengen

Die Leitlinien verlangen keine Struktur um jeden Preis, sondern haltgebende Strukturen, die im Interesse des Menschen auch flexibel sein dürfen. Das gilt für den Tagesablauf ebenso wie für die Räume. Rückzugsorte und Begegnungsräume, ein Zugang nach draussen und die Beteiligung des Bewohners an der Gestaltung seiner Räume wirken vorbeugend. Eine Fachperson aus der Intensivbetreuung hat es so gesagt, Material könne man ersetzen, Menschen nicht. Ein Team, das für einen Bewohner Spielräume schafft, in denen etwas kaputtgehen darf, hat mehr für die Vorbeugung getan als eines, das alles festschraubt.

Das Interesse am Menschen wachhalten

Ein Team, das einen Bewohner nur noch als Gefahr sieht, hat das verloren, was Vorbeugung erst möglich macht, das Interesse an ihm als Mensch. Wege zur Qualität nennt dieses Interesse die Grundhaltung, aus der Zusammenarbeit und Beziehung überhaupt entstehen. Keine Richtlinie bringt es zurück. Zurück bringen es die Orte, an denen das Team über den Menschen spricht statt über den Vorfall. Das ist das Betreuungsgespräch, in dem seine Geschichte, seine Stärken und seine Sicht zur Sprache kommen, und das ist die Resonanz, in der er selbst gefragt wird, wie er die Begleitung erlebt.

→ Hilfsmittel: Betreuungsgespräch «Wenn wir einen Bewohner nicht mehr verstehen»

Die Vorbeugung sichtbar machen

Weil die Krise, die nicht stattfindet, niemand sieht, braucht die Vorbeugung einen eigenen Ort im Rückblick. Ein Team, das nach einer ruhigen Phase zurückschaut und benennt, was sie ruhig gemacht hat, lernt mehr über die Vorbeugung als aus jedem Vorfall. Und die Leitung, die diese Zeit im Dienstplan schützt, gibt der Vorbeugung das, was sie am meisten braucht.

Zum Weiterlesen

Kapitel 3, Vorbeugen, die Beziehung gestalten. Die Herleitung mit den Belegen aus der Fachliteratur und dem Verfahren.

Hilfsmittel zum Ausdrucken. Grundlagentext «Gelingende Beziehung» · Das Begleitkonzept als Vereinbarung · Betreuungsgespräch «Wenn wir einen Bewohner nicht mehr verstehen»