Wege zur Qualität Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen

Wege zur Qualität · Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen

Betreuungsgespräch «Wenn wir einen Bewohner nicht mehr verstehen»

Ein Gespräch im Team, das die Sichten aller zusammenbringt und in der Reihenfolge vorgeht, die das Verstehen braucht. Zuerst wird beschrieben, dann werden die Sichten gehört, dann wird gedeutet. Das Gespräch hat die Form der Grundlagenarbeit von Wege zur Qualität, angewendet auf einen Menschen.

Kapitel2 Verstehen, bevor gehandelt wirdArtAblaufGrundlageGesichtspunkte zur Grundlegungsarbeit, Stiftung Wege zur Qualität, und Leitlinien HEVE, Kap. 4

Wann

Wenn im Team die Erklärungen für das Verhalten eines Bewohners auseinandergehen oder ausgehen. Wenn eine Massnahme zur Diskussion steht, die tief in sein Leben eingreift, etwa eine Umplatzierung. Und regelmässig, solange ein Begleitkonzept in Kraft ist, weil das Verstehen vorläufig bleibt.

Wer

Alle, die den Menschen begleiten, auch aus anderen Bereichen wie Werkstatt oder Tagesstruktur. Die Angehörigen oder die gesetzliche Vertretung, wenn sie bereit sind, und sei es für einen Teil des Gesprächs. Die Leitung, oder eine erfahrene Kollegin, die das Vorgehen anleitet. Bei Bedarf eine Fachperson von aussen, denn jede Profession hat ihre Lücken. Der betreute Mensch selbst wird vor dem Gespräch oder danach einbezogen, mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Eine Person leitet das Gespräch, eine andere hält die Ergebnisse fest.

Wie

Ein Gespräch von sechzig bis neunzig Minuten, gut vorbereitet. Die Ausgangsfrage wird vorab geklärt und allen mitgeteilt. Sie lautet nicht «Was machen wir mit ihm», sondern «Was zeigt uns dieser Mensch, und was braucht er». Alle bringen ihre Beobachtungen mit, möglichst konkret und möglichst ohne Deutung.

Das Gespräch geht in vier Schritten vor, und die Reihenfolge ist wichtig. Im ersten Schritt wird beschrieben, ohne zu erklären. Im zweiten werden die Sichten der Beteiligten und Betroffenen gehört. Im dritten wird gedeutet, und zwar aus der Erfahrung des Teams und aus den Grundlagen der Einrichtung. Im vierten wird vereinbart, was folgt.

Leitfragen

1. Beschreiben. Was genau geschieht, wann, wo, mit wem, was war vorher, was kam danach. Seit wann zeigt sich das Verhalten, und was hat sich in seinem Leben verändert. Was können wir über seine Lebensgeschichte sagen, über frühere Wohnorte, Verluste, Erfahrungen. Was sind seine Stärken, seine Vorlieben, das, was ihm gut tut. Wie ist sein Gesundheitszustand, und wann wurde er zuletzt abgeklärt. Zahnschmerzen, Verdauungsbeschwerden, unerkannte Seh- oder Hörbeeinträchtigungen und Nebenwirkungen der Medikation sind häufige Ursachen. Das Team kann sie nicht selbst abklären, aber es kann die Abklärung veranlassen.

2. Die Sichten hören. Was sagen die Angehörigen. Was sagt der Mensch selbst, in Worten oder mit anderen Mitteln, und was zeigt sein Verhalten, wenn man es als Äusserung liest. Was sehen die Kolleginnen aus der Werkstatt, was sieht der Nachtdienst. Wo widersprechen sich die Sichten, und was sagt uns das.

3. Deuten. Was löst das Verhalten aus, was hält es aufrecht, und welchen Zweck könnte es für den Menschen erfüllen. Wie haben wir ähnliche Situationen früher verstanden, und was haben wir daraus gelernt. Was sagt unser Leitbild über den Menschen, den wir begleiten, und was heisst das für diesen Menschen. Welche unserer Deutungen kommt aus dem Fall, und welche kommt aus uns, aus früheren Vorfällen, aus Sympathie und Antipathie, aus Gewohnheit. Welche Deutung halten wir vorläufig für die tragfähigste.

4. Vereinbaren. Was verändern wir im Alltag, aufgrund dieser Deutung. Welches Verhalten von uns wollen wir ändern. Wer führt den Fall weiter. Welche Abklärungen werden veranlasst, und wer holt welche Hilfe von aussen. Wann blicken wir zurück und prüfen, ob die Deutung getragen hat.

Worauf achten

Die Reihenfolge schützt das Gespräch. Wer beim Beschreiben schon deutet, verengt den Blick, bevor alle Sichten auf dem Tisch liegen. Die Gesprächsleitung darf freundlich unterbrechen und fragen, was genau beobachtet wurde.

Widersprüche zwischen den Sichten sind kein Mangel. Sie sind oft der Schlüssel, weil sie zeigen, unter welchen Bedingungen das Verhalten auftritt und unter welchen nicht.

Das Leitbild ist kein Schmuck am Schluss. Ob ein Team hinter einem Rückzug eine Störung sieht oder eine Äusserung, entscheidet sich am Menschenbild, mit dem es hinschaut.

Die Deutung bleibt vorläufig. Sie wird im Rückblick geprüft und darf sich ändern. Ein Team, das seine Deutung festschreibt, hat aufgehört zu verstehen.

Die Vereinbarungen werden festgehalten, mit Verantwortlichkeit und Frist. Das Gespräch selbst wird nicht protokolliert, nur seine Ergebnisse.

Die fachlichen Werkzeuge für die Beschreibung und die Analyse, etwa Beobachtungsbögen, die funktionale Analyse oder die Einschätzung des emotionalen Entwicklungsalters, stehen in den Leitlinien HEVE und ihren Quellen. Dieses Blatt ersetzt sie nicht. Es gibt dem Team die Form, in der es sie gemeinsam anwenden kann.

Quelle

Stiftung Wege zur Qualität, Gesichtspunkte zur Grundlegungsarbeit (Ausgangsfragen, die drei Kontexte, Durchführung und Nachbereitung). Leitlinien HEVE 2023, Kapitel 4 (Fallbeschreibung, Fallanalyse, soziale Diagnose). Zur Herleitung siehe Kapitel 2.