Wege zur Qualität · Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen
3 Vorbeugen: die Beziehung gestalten
Die wirksamste Vorbeugung ist eine verlässliche Beziehung. Sie entsteht im Alltag, und sie ist das Erste, was unter Druck verloren geht. Dieses Kapitel beschreibt, was die Fachliteratur zur Prävention sagt, und was Wege zur Qualität dazu beiträgt, dass ein Team die Beziehung halten kann, wenn sie schwierig wird.
Die Situation
Aus dem Fallverstehen entsteht ein Begleitkonzept, und sein erster Teil handelt vom Alltag: von den Übergängen am Morgen, von den Mahlzeiten, von der Art, wie jemand angesprochen wird, von dem, was ein Mensch braucht, damit er sich sicher fühlt. Die Mitarbeitenden wissen aus Erfahrung, dass an Tagen, an denen die Beziehung trägt, weniger geschieht.
Zugleich ist die Beziehung das Erste, was unter Druck leidet. Wer geschlagen oder gebissen wurde, hält Abstand. Wer Angst hat, wird kurz angebunden. Der Rückzug auf die Struktur, auf den festen Ablauf, auf das karge Zimmer, auf den vermiedenen Kontakt erscheint dann als das Sicherste. Genau so beschreibt die Forschung die Intensivbetreuung: stark strukturiert, Kontakte werden wegen der Eskalationsgefahr vermieden, die Zimmer sind reizarm und karg (Calabrese & Kasper, 2019).
Dazu kommt, dass Vorbeugung nichts vorzuweisen hat. Die Krise, die nicht stattfindet, sieht niemand. Was ein Team im Alltag an Beziehung leistet, taucht in keiner Meldung auf, und wenn die Zeit knapp wird, ist es das, was zuerst wegfällt.
Was die Fachliteratur festhält
Die Forschung ist in diesem Punkt eindeutig. Die Kombination von vorbeugenden Massnahmen mit Massnahmen in der Eskalation ist deutlich wirksamer als Massnahmen in der Eskalation allein. Die Begleitpersonen beeinflussen das Verhalten durch ihre Reaktion im Ernstfall, aber ihr grösstes Potenzial liegt in der Präventionsarbeit (Zambrino, Büschi & Calabrese, 2020).
Die Leitlinien HEVE nennen fünf Eckpfeiler der Prävention: die Anpassung der Bedingungen aufgrund der funktionalen Analyse; die Entwicklungs-, Stärken- und Bedürfnisorientierung, die auch das emotionale Entwicklungsalter eines Menschen berücksichtigt; den bindungsfördernden Zugang; Orientierung und haltgebende Strukturierung von Raum, Zeit und Handlung; und zusätzliche Massnahmen wie Therapien oder körperliche Betätigung (Leitlinien HEVE, 2023, Kap. 5). Prävention wirkt nur, wenn sie systematisch umgesetzt ist, auf dem Fallverstehen aufbaut und partizipativ erarbeitet wurde (ebd.).
Zum bindungsfördernden Zugang sagen die Leitlinien den Satz, der dieses Kapitel trägt. Eine verlässliche und vertrauensvolle Beziehung wirkt der Entstehung herausfordernder Verhaltensweisen vielfach vorbeugend entgegen (Leitlinien HEVE, 2023, Kap. 5.3). Herausfordernde Verhaltensweisen sind oft Ausdruck unbefriedigter Sicherheitsbedürfnisse, und gerade diese Menschen sind auf Beziehungssicherheit, Nachvollziehbarkeit und Orientierung angewiesen (Calabrese & Kasper, 2019). Die betreuten Menschen bestätigen das selbst: Im Projekt VIA nannten Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen als das, was ihnen Sicherheit gibt, stabile Beziehungen und verlässliche Strukturen, vertraute Bezugspersonen und eine gute Zusammenarbeit zwischen den Zuständigen (Calabrese, Fink, Clavadetscher & Tauber, 2026).
Georgi-Tscherry und Calabrese gehen einen Schritt weiter und plädieren für professionelle Nähe. Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen erfahren ihre Umwelt oft nur über direkten Körperkontakt; wer ihnen Nähe verwehrt, verwehrt ihnen den Zugang zur Welt. Die Autorinnen beobachten, dass nach bekannt gewordenen Missbrauchsfällen in manchen Institutionen Richtlinien entstanden sind, die professionelle Distanz vorschreiben und Nähe vermeiden, bis hin zu einem eigentlichen Berührungsverbot (Georgi-Tscherry & Calabrese, 2019). Die Beziehung muss gestaltet werden, und das verlangt fachlich begründete Nähe (ebd.).
Zur Strukturierung halten die Leitlinien fest, dass es nicht auf ein Übermass an Struktur ankommt, sondern auf haltgebende Strukturen, die im Interesse des Menschen auch flexibel sein dürfen (Leitlinien HEVE, 2023, Kap. 5.4). Zur räumlichen Umwelt zeigt eine Vorstudie, dass Rückzugsorte, Begegnungsräume und der Zugang zu Aussenräumen vorbeugend wirken, und dass die betreuten Menschen an der Gestaltung ihrer Räume beteiligt werden sollten (Wegmüller, Georgi-Tscherry & Calabrese, 2023). Eine Fachperson aus der Intensivbetreuung fasst es so zusammen: «Material kann man ersetzen und Menschen nicht» (ebd.).
Was die Fachliteratur nicht beantwortet, ist die Frage, wie ein Team Nähe wagt, wenn es Angst hat, und wie Nähe möglich wird, ohne in Beliebigkeit oder Übergriff zu kippen. Das ist eine Frage der Zusammenarbeit.
Was Wege zur Qualität dazu beiträgt
Für Wege zur Qualität ist die Beziehung nicht eine Massnahme unter anderen, sondern die Leistung selbst. Die betreuten Menschen sind kein passives Material, das den Mitarbeitenden übergeben wird; die Handlungsimpulse entstehen aus dem Verständnis für die Individualität und die Entwicklungsbedürfnisse des Menschen, und seine Aufnahmebereitschaft und sein Eigenwille bestimmen den Prozess wesentlich mit (Herrmannstorfer, 1999; Ross, 2022). Beziehungsdienstleistung soll immer auch Hilfe zur Selbstwerdung sein (Herrmannstorfer, 1999). Was die Leitlinien Entwicklungs-, Stärken- und Bedürfnisorientierung nennen, ist damit bei Wege zur Qualität der Ausgangspunkt jeder Handlung.
Zur Frage der Nähe hat das Verfahren eine Antwort, die bei der Zusammenarbeit ansetzt. Menschen brauchen Nähe und Verbindung, und sie brauchen Abstand; zwischen den beiden Einseitigkeiten muss eine bewegliche Mitte gefunden werden. Die Grundlage dafür ist das Vertrauen. Es ermöglicht, Nähe zu suchen und zugleich Distanz zuzulassen (Fischer, 2023, Feld 11, S. 30). Ross nennt Vertrauen die «Zulassungsbedingung für Handlungen» (Ross, 2022). Professionelle Nähe wird damit dort möglich, wo die Mitarbeitende dem betreuten Menschen vertraut, wo sie sich vom Team und von der Leitung getragen weiss, und wo Team und Leitung ihr die Entscheidung in der Situation zutrauen (Fischer, 2023, S. 29–30 und 38). Fehlt eines davon, bleibt die Distanz.
Vertrauen macht verletzlich, und deshalb folgt bei Wege zur Qualität auf das Vertrauen der Schutz. Schutz entsteht nicht durch Verbot, sondern durch Vereinbarung, durch die gegenseitige Selbstverpflichtung, die das Verfahren als Vertragsverhältnis versteht (Fischer, 2023, Feld 6, S. 32). Das gilt ausdrücklich für das Machtgefälle, das jeder Begleitung innewohnt. Begleitende sind gegenüber den ihnen anvertrauten Menschen immer in einer Machtposition; das ist nicht an sich schlecht, aber die Macht muss ethisch gehandhabt werden, und alle Bemühungen um Gewaltprävention gehören in dieses Feld (ebd.). Der Unterschied zum Berührungsverbot ist der Unterschied zwischen einer Regel, die für alle gilt, und einer Vereinbarung, die für diesen Menschen gilt.
Das Arbeitshandbuch macht diesen Unterschied zum Prinzip. Es unterscheidet drei Formen der Regelung: die inhaltliche Regelung, die einen Sachverhalt für alle verbindlich festlegt; die Verfahrensregelung, die den Ablauf klärt und die Entscheidung offenlässt; und die personalisierte Regelung, die nur bestimmt, wer zuständig ist, und bei der die Regelung erst in der Auseinandersetzung mit der Situation entsteht und nur für diesen Fall gilt (Stiftung Wege zur Qualität, 1998, Kap. 2.6). Inhaltliche Regelungen «regeln das Leben, schon bevor es da ist»; allgemeine, vorschreibende Regelungen schwächen das Bewusstsein, das Verantwortungsgefühl und die Initiativkraft der Einzelnen (ebd.). Die personalisierte Regelung dagegen eignet sich überall dort, «wo ein Eingehen auf die besondere Situation notwendig und erwünscht ist» (ebd.). Das individuelle Begleitkonzept der Leitlinien ist genau das, eine Regelung, die aus dem Fallverstehen entstanden ist, für einen Menschen gilt und von den Zuständigen verantwortet wird. Das Verfahren sagt damit auch, wo Reglemente hingehören: zu den allgemeinen Fragen, sparsam und befristet. In die Beziehung gehören sie nicht.
Ein Begleitkonzept ist dabei keine Vorschrift für die Begegnung. Beziehungsdienstleistungen lassen sich in ihrem Verlauf nicht vorherbestimmen, weil das Ergebnis durch den Verlauf selbst mitbestimmt wird; die Planung dient der Stärkung des eigenen Bewusstseins und der situativen schöpferischen Improvisationskräfte (Herrmannstorfer, 1999). Das ist derselbe Gedanke, den die Leitlinien mit den haltgebenden, aber flexiblen Strukturen meinen. Im Sozialen Dreischritt des Verfahrens ist das Begleitkonzept der Impuls; das Handeln bleibt frei, und der Rückblick prüft die Wirkung (Fischer, 2023, S. 12–13). Die Mitarbeitende, die morgens vor der Zimmertür steht, hat das Konzept im Bewusstsein, nicht in der Hand.
Ein letzter Beitrag betrifft die Haltung, aus der Nähe überhaupt möglich wird. Wege zur Qualität hält fest, dass in der Beziehungsdienstleistung beide sich entwickeln, die Begleitenden und die Begleiteten, und dass das Interesse am anderen Menschen die Grundhaltung ist, die Zusammenarbeit und soziales Leben erst ermöglicht (Fischer, 2023, Feld 12, S. 33). Ein Team, das einen Bewohner nur noch als Gefahr sieht, hat dieses Interesse verloren, und keine Richtlinie bringt es zurück. Zurück bringen es die Orte, an denen das Team über den Menschen spricht statt über den Vorfall: die Grundlagenarbeit, der Rückblick, die Resonanz.
Was das Verfahren nicht liefert, sind die fachlichen Konzepte der Prävention: Positive Verhaltensunterstützung, Unterstützte Kommunikation, die Einschätzung des emotionalen Entwicklungsalters, die Ansätze zur Bindungsförderung, die Gestaltung der räumlichen Umwelt. Die Leitlinien benennen sie und ihre Quellen. Was das Verfahren liefert, ist die Zusammenarbeit, in der Mitarbeitende diese Konzepte anwenden können, ohne sich zwischen Nähe und Sicherheit entscheiden zu müssen.
Wenn die Vorbeugung nicht reicht, kommt es zur Eskalation. Davon handelt das nächste Kapitel.
Quellen zu diesem Kapitel
- Calabrese, S. & Kasper, D. (2019). Alternativen zur Intensivbetreuung. Ausgestaltung institutioneller Settings für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und herausfordernden Verhaltensweisen. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 25(11–12), 54–59. www.szh-csps.ch/z2019-11-08
- Georgi-Tscherry, P. & Calabrese, S. (2019). Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz. Ein Plädoyer für professionelle Nähe in der Arbeit mit Erwachsenen mit komplexen Beeinträchtigungen. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 25(3), 19–24. www.szh-csps.ch/z2019-03-03
- Calabrese, S., Fink, A., Clavadetscher, C. & Tauber, A. (2026). Das Projekt VIA: Gewaltprävention in Institutionen gemeinsam gestalten. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 32(6), 8–13. doi.org/10.57161/z2026-06-02
- Zambrino, N., Büschi, E. & Calabrese, S. (2020). Umgang mit herausfordernden Verhaltensweisen von Erwachsenen mit kognitiven Beeinträchtigungen in Institutionen. Eine Übersicht über den englischsprachigen Forschungsstand. Empirische Sonderpädagogik, 12(2), 132–148. doi.org/10.25656/01:21127
- Wegmüller, P., Georgi-Tscherry, P. & Calabrese, S. (2023). Räumlich-architektonische Bedingungen zur Emotionsregulation. Prävention und Deeskalation von herausforderndem Verhalten bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 29(9), 42–48. doi.org/10.57161/z2023-09-07
- Hochschule Luzern – Soziale Arbeit & Hochschule für Soziale Arbeit FHNW (2023). Agogischer Umgang mit herausfordernden Verhaltensweisen. Leitlinien für Leitungspersonen und Mitarbeitende in institutionellen Settings. Stand 20.02.2023. www.fhnw.ch/plattformen/heve/leitlinien/
- Fischer, A. (2023). Wege zur Qualität. Soziale Bedingungen qualitativer Arbeit. Eine Einführung. Stiftung Wege zur Qualität. Als PDF unter www.wegezurqualitaet.info/index.php/de/einfuehrung/publikationen
- Herrmannstorfer, U. (1999). Die Arbeit am Menschen: ein Produktionsvorgang? Zur Charakteristik von Beziehungsdienstleistungen. Als PDF unter www.wegezurqualitaet.info/index.php/de/einfuehrung/publikationen
- Ross, M. (2022). Verantwortung für den Menschen übernehmen. Beziehungsdienstleistung und Wege zur Qualität. Bausteine eines neuen Zivilisationsprinzips. In H.-U. Kretschmer & M. Ross (Hrsg.), Kultur und Wissenschaft der Beziehungsdienstleistung. Dornach: Verlag am Goetheanum. Als PDF unter www.wegezurqualitaet.info/index.php/de/einfuehrung/publikationen
- Stiftung Wege zur Qualität (1998). Formen der Regelung. Ergänzendes Arbeitsmaterial zum Arbeitshandbuch, Kap. 2.6.1, 2. Auflage vom 1. April 1998, 5 Seiten. Bezug über die Stiftung Wege zur Qualität, www.wegezurqualitaet.info