Wege zur Qualität Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen

Wege zur Qualität · Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen

Grundlagentext «Gelingende Beziehung»

Ein Text für die Grundlagenarbeit im Team, mit Thesen zur Diskussion. Er führt zusammen, was die Fachliteratur und Wege zur Qualität über die Beziehung sagen, die herausforderndem Verhalten vorbeugt, und über die Bedingungen, unter denen ein Team sie halten kann.

Kapitel3 Vorbeugen: die Beziehung gestaltenArtGrundlagentextGrundlageLeitlinien HEVE, Kap. 5.3; Georgi-Tscherry & Calabrese 2019; Calabrese et al. 2026 (Projekt VIA); Herrmannstorfer 1999; Fischer 2023, Feld 5, 6 und 11; Stiftung Wege zur Qualität 1998, Formen der Regelung

Der Text

Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen leben oft mit wenigen Kontakten. Die Menschen, die sie begleiten, sind ihre zentralen Bezugspersonen, manchmal die einzigen. Eine verlässliche und vertrauensvolle Beziehung beugt herausforderndem Verhalten vielfach vor, weil dieses Verhalten oft Ausdruck eines unbefriedigten Bedürfnisses nach Sicherheit ist. Die betreuten Menschen sagen es selbst, wenn man sie fragt. Sicherheit geben ihnen stabile Beziehungen, vertraute Bezugspersonen, verlässliche Abläufe und eine gute Zusammenarbeit zwischen denen, die für sie zuständig sind.

Viele dieser Menschen erfahren ihre Umwelt nur über direkten Kontakt. Wer ihnen Nähe verwehrt, verwehrt ihnen den Zugang zur Welt. Nach bekannt gewordenen Missbrauchsfällen sind in manchen Institutionen Richtlinien entstanden, die Distanz vorschreiben und Nähe vermeiden. Die Fachliteratur hält dagegen, dass eine tragfähige Beziehung ohne fachlich begründete Nähe nicht möglich ist. Die Beziehung muss gestaltet werden, in beiden Richtungen.

Für Wege zur Qualität ist die Beziehung nicht eine Massnahme unter anderen, sondern die Leistung selbst. Sie entsteht in der Begegnung, ihr Verlauf lässt sich nicht vorherbestimmen, und der betreute Mensch bestimmt mit seiner Aufnahmebereitschaft und seinem Eigenwillen den Verlauf wesentlich mit. Menschen brauchen Nähe, und sie brauchen Abstand. Die Mitte zwischen beiden findet, wer vertraut, dem Menschen, dem Team und der Leitung. Vertrauen wird im Voraus gegeben, und es macht verletzlich. Deshalb folgt auf das Vertrauen der Schutz, und Schutz entsteht bei Wege zur Qualität durch Vereinbarung, nicht durch Verbot. Eine Regel, die für alle gilt, regelt das Leben, bevor es da ist. Eine Vereinbarung für diesen Menschen entsteht aus dem Verstehen und gilt für ihn. Das Begleitkonzept ist eine solche Vereinbarung. Die Mitarbeitende hat es im Bewusstsein, nicht in der Hand, und in der Begegnung handelt sie frei.

Thesen zur Diskussion

  1. Ein Bewohner, der sich sicher fühlt, braucht das unverständliche Verhalten nicht.
  2. Abstand macht uns nicht sicherer, aber den Bewohner unsicherer.
  3. Nähe kann sich nur leisten, wer sich vom Team getragen weiss.
  4. Wir halten die Beziehung nicht, damit er ruhig bleibt, sondern weil er ein Mensch ist.

Verwendung im Grundlagengespräch

Der Text wird vor dem Gespräch gelesen. Im Gespräch geht das Team die Thesen einzeln durch und fragt zu jeder, was daran stimmt, was daran nicht stimmt und woran man das in der eigenen Praxis erkennt. Zum Schluss hält das Team fest, welche Konsequenz es zieht, wer sie umsetzt und wann darauf zurückgeschaut wird. Ablauf, Rollen und die drei Richtungen des Gesprächs beschreibt das Hilfsmittel «Das Grundlagengespräch».

→ Hilfsmittel: Das Grundlagengespräch

Quelle

Leitlinien HEVE 2023, Kapitel 5.3. Georgi-Tscherry und Calabrese 2019 zur professionellen Nähe. Calabrese, Fink, Clavadetscher und Tauber 2026 zur Sicht der betreuten Menschen. Herrmannstorfer 1999 zur Beziehungsdienstleistung. Fischer 2023, Felder 5, 6 und 11. Arbeitshandbuch Wege zur Qualität, Formen der Regelung. Zur Herleitung siehe Kapitel 3.