Wege zur Qualität Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen

Wege zur Qualität · Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen

«Wir verstehen das Verhalten nicht mehr.»

Für Teams, die das Verhalten eines Bewohners nicht mehr einordnen können. Was in dieser Lage hilft, zusammengetragen aus der Fachliteratur und aus Wege zur Qualität. Die ausführliche Darstellung steht in Kapitel 2.

Kapitel2 Verstehen, bevor gehandelt wirdHilfsmittelBetreuungsgespräch «Wenn wir einen Bewohner nicht mehr verstehen»·Der freie Blick·Einen Fall delegieren

Wo das Team steht

Ein Team, das an einem Bewohner an seine Grenzen kommt, steht in der Regel vor einem grossen Fragezeichen. Die Mitarbeitenden suchen zuerst nach Erklärungen, finden sie nicht so einfach und suchen dann nach Auswegen. Es scheitert nicht am Willen, die Situation zu verstehen, sondern an den Mitteln.

Der Mensch kann oft nicht sagen, was ihm fehlt. Das Verhalten kündigt sich manchmal an und kommt manchmal scheinbar aus dem Nichts. Jede Mitarbeiterin hat ihre eigene Erklärung, und weil in der dann oft notwendigen Eins-zu-eins-Begleitung wenig Austausch möglich ist, bleiben die Erklärungen nebeneinander stehen. Und das vor allem, wenn man keine Zeit mehr findet, um miteinander darüber zu sprechen.

Dazu kommt die Zeit. Verstehen braucht Ruhe, und Ruhe ist in einer solchen Phase am wenigsten vorhanden. So drängen die Massnahmen nach vorn, die am schnellsten greifen. Das sind mehr Eins-zu-eins-Begleitung, eine Anpassung der Medikation, die Umplatzierung in eine andere Gruppe oder in eine Intensivbetreuung. Keine davon ist an sich falsch. Verfrüht ist jede, die an die Stelle des Verstehens tritt, statt aus ihm zu folgen.

Was hilft

Verstehen, bevor gehandelt wird

Bevor Massnahmen erarbeitet werden, muss dem Menschen in seiner Situation verstehend begegnet werden. Dies wird von der Fachwelt betont. Die Forschung kennt die Neigung zur schnellen Massnahme und ihre Folgen. Die Umplatzierung in eine Intensivbetreuung legt den Menschen auf einen Krisenzustand fest, erschwert seine Kontakte und bestärkt die Haltung, das Verhalten sei seine Eigenschaft. Der Verbleib im vertrauten Umfeld entspricht aber seinem Sicherheitsbedürfnis eher und sollte wenn immer möglich bevorzugt werden. Die intensivere Begleitung, die er dann braucht, kann nur durch zusätzliche Fachkräfte vor Ort geleistet werden, vorübergehend und zur Unterstützung des bestehenden Teams. Das darf ein Team gegenüber seiner Leitung durchaus vertreten.

Gemeinsam verstehen

Verstehen gelingt gemeinsam viel besser. Die verschiedenen Menschen machen unterschiedliche Wahrnehmungen und Erfahrungen. So geben die unterschiedlichen Blickwinkel, zum Beispiel aus der Werkstatt und der Wohngruppe ein umfassenderes Bild der Situation. Die Angehörigen kennen den Menschen länger als jede Fachperson und der Mensch selbst wird gefragt, mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Erst auf die Beschreibung folgen die Vermutungen, und die bleiben vorläufig. Wege zur Qualität hat für dieses Zusammenbringen einen Ort, das Grundlagengespräch. In diesem Fall spricht man üblicherweise vom Betreuungsgespräch. Wie es für diese Frage aufgebaut wird, steht im Hilfsmittel.

→ Hilfsmittel: Betreuungsgespräch «Wenn wir einen Bewohner nicht mehr verstehen»

Den eigenen Blick prüfen

Das erste Hindernis auf dem Weg zum Verstehen liegt oft bei den Verstehenden selbst. Jede und jeder bringt etwas mit, das nicht zur Sache gehört. Das ist das Vorurteil aus früheren Vorfällen, das sind Sympathie und Antipathie, die Gewohnheit, die das Neue an einer Situation übersieht, und die Bequemlichkeit, die die naheliegende Erklärung der richtigen vorzieht. Das ist keine Schwäche, sondern der Normalfall, aber es hilft, es beim Namen zu nennen, bevor entschieden wird. Die Fachliteratur kennt dafür die Übung «böser Blick, freundlicher Blick». Wege zur Qualität nennt den Blick, der von solchen Einflüssen frei ist, Freiheit und hat diesem Thema ein ganzes Feld gewidmet. Die Arbeit daran wird als Teil der Aufgabe verstanden und nicht als Privatsache.

→ Hilfsmittel: Der freie Blick

Eine Person führt den Fall

Wenn alle das Problem lösen wollen, wird es kompliziert. Damit das nicht geschieht, überträgt das Team einer Person oder zweien die Führung des Falls, mit der Befugnis zu entscheiden, mit der Zeit, die es braucht, und mit dem ausgesprochenen Zutrauen der anderen. Die fallführende Person holt die Sichten zusammen, bezieht den betreuten Menschen, die beteiligten Fachpersonen, die Leitung und nach Möglichkeit die Angehörigen ein, hält die Vermutungen fest und schlägt vor, was zu tun ist. Sie bleibt nicht allein. Nach einer vereinbarten Zeit blickt das Team gemeinsam zurück, und die Verantwortung geht an das Team zurück. Niemand bleibt über Monate auf einem schwierigen Fall sitzen, weil er ihn einmal gut bearbeitet hat.

→ Hilfsmittel: Einen Fall delegieren

Hilfe von aussen holen

Kein Team versteht einen solchen Fall allein, und es muss es auch nicht. Die Fachliteratur verlangt ausdrücklich Fachberatung von aussen, die Anleitung durch erfahrene Kolleginnen oder die Leitung, die Zusammenarbeit mit anderen Berufen, weil jeder Beruf seine Lücken hat, und ausreichend Zeit für das Verstehen. Wo das fehlt, darf ein Team es einfordern. Prävention ist Aufgabe der Leitung, und die Leitung schafft den Raum, in dem verstanden werden kann.

Der Krise ihren Platz lassen

Entwicklung verläuft nicht gerade. Sie enthält Stillstände und Krisen, und eine Krise ist weder der Beweis, dass das Team versagt hat, noch der Beweis, dass der Mensch am falschen Ort ist. Für das Handeln am Menschen gibt es keine Standards, nur individuelle Antworten auf individuelle Situationen. Was ein Team für diesen einen Bewohner erarbeitet, ist keine Ausnahme von der Regel. Es ist die Regel.

Zum Weiterlesen

Kapitel 2, Verstehen, bevor gehandelt wird. Die Herleitung mit den Belegen aus der Fachliteratur und dem Verfahren.

Hilfsmittel zum Ausdrucken. Betreuungsgespräch «Wenn wir einen Bewohner nicht mehr verstehen» · Der freie Blick · Einen Fall delegieren