Wege zur Qualität · Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen
Der freie Blick
Prüffragen für die einzelne Mitarbeitende und für das Team, bevor über einen Menschen entschieden wird. Sie machen sichtbar, was am eigenen Bild nicht aus dem Fall stammt, sondern aus einem selbst.
Wozu
Ein unbefangenes Bild der Ausgangslage entsteht nicht von allein. Wahrnehmung ist subjektiv, und jede und jeder bringt etwas mit, das nicht zur Sache gehört. Die Fachliteratur verlangt deshalb, einen Fall unvoreingenommen und wertfrei zu beschreiben, und kennt dafür die Übung «böser Blick, freundlicher Blick». Wege zur Qualität nennt den Blick, der von sachfremden Einflüssen frei ist, Freiheit, und meint damit nicht, dass jeder tun kann, was er will, sondern dass die Antwort auf einen Menschen aus seiner Situation kommt und nicht aus den Bedürfnissen dessen, der antwortet. Die Arbeit an diesem Blick ist Teil der Aufgabe, nicht Privatsache.
Die Prüffragen sind kein Test. Wer sie ehrlich beantwortet, findet bei sich alles, wonach sie fragen. Das ist der Normalfall. Es soll helfen Augen zu öffnen, bevor entschieden wird.
Wann
Vor einem Betreuungsgespräch, als Vorbereitung jeder Teilnehmerin für sich. Vor einer Entscheidung, die tief in das Leben eines Menschen eingreift. Und dann, wenn jemand merkt, dass er zu einem Bewohner eine feste Meinung hat, die sich durch nichts mehr bewegen lässt.
Wie
Allein, mit den Fragen unten, zehn Minuten, schriftlich oder im Kopf. Wer mag, bringt eine Erkenntnis daraus ins Betreuungsgespräch ein, muss es aber nicht. Im Team kann die Gesprächsleitung die vier Bereiche zu Beginn nennen und fragen, ob jemand dazu etwas sagen möchte. Niemand wird aufgefordert.
Prüffragen
Das Vorurteil. Was weiss ich über diesen Menschen aus früheren Vorfällen, und wie stark bestimmt das, was ich heute sehe. Wann habe ich ihn zuletzt in einer guten Situation wahrgenommen. Gibt es eine Beobachtung, die nicht zu meinem Bild passt, und was habe ich damit gemacht.
Sympathie und Antipathie. Mag ich diesen Menschen. Was löst er in mir aus, wenn er den Raum betritt. Würde ich dasselbe Verhalten bei einem Bewohner, den ich gern habe, anders deuten. Was an meiner Deutung würde sich ändern, wenn er mir sympathisch wäre.
Die Gewohnheit. Seit wann begleite ich ihn so, wie ich ihn begleite, und wann habe ich das zuletzt in Frage gestellt. Was hat sich in seinem Leben verändert, seit die Abläufe entstanden sind. Sehe ich noch, was neu ist an dieser Situation, oder sehe ich, was ich erwarte.
Die Bequemlichkeit. Welche Erklärung liegt mir am nächsten, und warum. Was würde die andere Erklärung von mir verlangen. Welche Massnahme wäre für mich die einfachste, und ist das der Grund, warum ich sie für die richtige halte.
Der freie Blick. Wenn ich das alles beiseitelege, was bleibt dann von dem, was ich über diesen Menschen und seine Situation weiss. Was braucht er, unabhängig davon, was ich brauche.
Worauf achten
Die Fragen richten sich an einen selbst, nicht an die Kolleginnen. Wer sie im Team benutzt, um anderen ihr Vorurteil nachzuweisen, hat sie missverstanden.
Ein Befund ist kein Fehler. Sympathie und Antipathie, Gewohnheit und Bequemlichkeit gehören zum Menschen und damit zur Arbeit. Frei wird der Blick nicht, indem man sie abschafft, sondern indem man sie kennt.
Was hier gefunden wird, gehört nicht ins Protokoll. Es gehört, wenn überhaupt, in die Rechenschaft, wo es entgegengenommen wird, ohne bewertet zu werden.
Der freie Blick ersetzt die fachliche Beschreibung und Analyse nicht. Er macht sie möglich.
Quelle
Fischer 2023, Feld 4 Freiheit und Feld 9 Individuelle Entwicklung, mit den darin zitierten Stellen aus dem Arbeitshandbuch. Leitlinien HEVE 2023, Kapitel 4.2 und 4.4. Zur Herleitung siehe Kapitel 2.