Wege zur Qualität · Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen
«Was kann die Leitung vorbeugend organisieren?»
Für Leitungen, die wissen wollen, was in ihrer Einrichtung geklärt sein muss, bevor ein Team an seine Grenzen kommt. Was in dieser Lage hilft, zusammengetragen aus der Fachliteratur und aus Wege zur Qualität. Die ausführliche Darstellung steht in Kapitel 6.
Wo die Leitung steht
Die Leitung wird oft erst mit der Problematik konfrontiert, wenn das Team an seine Grenzen stösst und Klagen laut werden, oder wenn sich ein konkreter Vorfall ereignet hat. Sie muss sich dann den Ansprüchen des Bewohners, der Mitarbeitenden, der Mitbewohnenden, der Angehörigen, der Aufsicht und der Kostenträger stellen. Leitungspersonen bewerten herausforderndes Verhalten als schwerer als die Mitarbeitenden selbst, und das lässt sich als Ausdruck dieser Gesamtverantwortung lesen.
Im besten Fall fragt die Leitung vorher, was sie für solche Fälle tun kann. Aber spätestens nach einem Vorfall stellt sich die Frage, was sie hätte tun können und was sie jetzt tun soll. Die Antworten, die naheliegen, sind aus der Praxis bekannt. Knapp sechzig Prozent der Schweizer Institutionen haben wegen herausfordernder Verhaltensweisen Anpassungen vorgenommen, die meisten davon strukturell und aufwendig. Was davon in der eigenen Einrichtung nötig ist, lässt sich nicht aus einer Liste ablesen. Es hängt davon ab, was die Einrichtung ist, wofür sie steht und wie sie geführt wird.
Was hilft
Prävention ist Chefsache
Die Leitlinien HEVE beginnen nicht beim Fallverstehen, sondern bei der Organisation. Die organisatorischen und strukturellen Grundlagen sind dem Umgang mit herausforderndem Verhalten vorgelagert, und die Verantwortung dafür liegt auf der Leitungsebene. Die Forschung sagt es kürzer, Prävention ist zuerst und immer auch Chefsache. Das heisst nicht, dass die Leitung alles selbst tut. Es heisst, dass sie dafür sorgt, dass es getan werden kann, und dass sie das Thema nicht erst auf die Traktandenliste setzt, wenn etwas geschehen ist.
Ein Leitbild, das im Alltag gilt
Die Leitlinien verlangen ein klar definiertes Leistungsangebot und ein Leitbild, das Werte, Haltung und agogisches Konzept vermittelt und ein gemeinsames Verständnis für die Arbeit schafft. Für Wege zur Qualität ist das Feld 1, und Führung heisst dort, den Mitarbeitenden den Sinn ihres Tuns nahezubringen und dafür zu sorgen, dass Konzepte und Alltag mit dem Leitbild im Einklang stehen. Ein Leitbild gilt im Alltag nur, wenn regelmässig daran gearbeitet wird. Die Leitung schafft die Räume dafür, und sie setzt sich selbst mit den Grundlagen auseinander, denn ein Team, das an einem Bewohner zu scheitern droht, prüft seine Haltung nur dort, wo das erwartet und ermöglicht wird.
Führen heisst Räume öffnen und begrenzen
Die Leitlinien verlangen ein Führungsverständnis, das auf Offenheit und Ehrlichkeit beruht, Beteiligung und Austausch über alle Hierarchiestufen ermöglicht und die Gesunderhaltung und Entwicklung aller zum Ziel hat. Das ist das Führungsverständnis von Wege zur Qualität. Führung stellt sich in den Dienst der Aufgabe und der Menschen, die sie erfüllen, und sie hat eine Doppelaufgabe. Sie öffnet Räume für eigenverantwortliches Handeln, und sie begrenzt sie zugleich, an den Zielen der Aufgabe, am Können der Mitarbeitenden und an den vorhandenen Mitteln. Verantwortung wird nicht von oben verteilt, sondern übernommen, und die Dynamische Delegation beschreibt, wie das geschieht, ohne dass entweder alles endlos diskutiert wird oder einer allein und unabhängig entscheidet. Führung ist dabei Macht, und Macht ist nichts Verwerfliches, solange sie der Aufgabe dient. Unreflektiert zum eigenen Vorteil eingesetzt, wird sie zur Gewalt.
Schutz in beide Richtungen
Sicherheit und Schutz, für die betreuten Menschen und für die Fachpersonen, und ein angemessenes Risikomanagement sind nach den Leitlinien zentrale Führungsaufgaben. Wege zur Qualität sagt dazu in Feld 6, dass Führung keine Form von Machtmissbrauch, Grenzverletzung und Gewalt toleriert, bei Grenzüberschreitungen klar handelt und dafür sorgt, dass alle Betroffenen Begleitung erhalten. Das Mittel ist die Vereinbarung, und sie schützt in beide Richtungen. Sie sichert den Betreuten die Leistung zu, und sie schützt die Mitarbeitenden vor dem Vorwurf der Willkür, wenn sie im Ernstfall handeln mussten. Konkret heisst das, dass für jeden Menschen, bei dem es nötig ist, ein Notfallplan vorliegt, dass eine Meldestelle nach der Charta Prävention eingerichtet ist und getragen wird, und dass die Zusammenarbeit mit externen Stellen vor dem Ernstfall geregelt ist.
Zeit und Mittel für das Verstehen
Die Leitlinien verlangen ausreichend Ressourcen, damit ein Fall beschrieben, analysiert und verstanden werden kann, und eine stabile Finanzierung. Für Wege zur Qualität ist das Feld 7, Führen durch Ermöglichen. Die Leitung ermittelt den Bedarf von der Aufgabe her, geht transparent mit den Mitteln um und setzt sich bei den Kostenträgern dafür ein, dass die Mittel für die Aufgabenstellung gemäss Leitbild bereitstehen. Die Forschung sagt dazu, dass die Unterstützungsbedarfslogik Vorrang vor der Kostenoptimierungslogik hat. Und sie beschreibt eine Alternative zur Umplatzierung, die die Leitung organisieren muss, die vorübergehende Verstärkung des Teams durch zusätzliche Fachkräfte vor Ort. Wo eine Einrichtung das allein nicht tragen kann, sind Institutionenverbünde und die zuständigen Behörden gefragt.
Angebote für die Fachpersonen
Weiterbildung, Supervision, Intervision, Fachberatung und genügend Reflexionsgefässe im Alltag erhöhen die Sicherheit im Umgang mit herausforderndem Verhalten und den Zusammenhalt im Team. Die Leitlinien verlangen sie ausdrücklich, mit besonderem Augenmerk auf die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden. Wege zur Qualität nennt das Führen als Dienstleistung und Führen als Selbstführen. Die Leitung schafft die Gefässe, schützt sie gegen den Druck des Tagesgeschäfts, und sie lässt sich selbst von aussen spiegeln, wenn es um Fragen der eigenen Führung geht. Die Trainings, die die Forschung als so wirksam beschreibt, mehrjährig und auf das Verstehen von Aggression ausgerichtet, sind eine Entscheidung der Leitung.
Gruppen, Räume und Angebote
Die Grösse und Zusammensetzung der Gruppen, die Passung des Personals zur Klientel, eine Infrastruktur, die Begegnung und Rückzug zulässt, vielfältige Angebote für die betreuten Menschen und die Vernetzung von Wohnen, Arbeit und Therapie sind Strukturfragen, die nur die Leitung entscheiden kann. Sie lassen sich nicht in der Krise klären, und sie kosten. Die Forschung zeigt, dass die meisten Anpassungen, die Institutionen wegen herausfordernder Verhaltensweisen vornehmen, genau hier liegen.
Aus Vorfällen lernen und die Betroffenen beteiligen
Die Nachsorge ist nach den Leitlinien in der Organisation verankert und liegt in der Verantwortung der Leitung. Vorfälle werden gemeldet, ausgewertet, und daraus wird gelernt. Wege zur Qualität hat dafür zwei Felder. Erkenntnis führt, das heisst, die Leitung wertet Rückblicke, Rechenschaften, Zusammenarbeitsgespräche und die Resonanzen der betreuten Menschen aus und zieht die Schlüsse für die Einrichtung. Und Führen durch Geistesgegenwart, das heisst, sie nimmt am fachlichen Diskurs teil, erkennt Veränderungsnotwendigkeiten rechtzeitig und macht bei Veränderungen die Betroffenen zu Beteiligten, die Mitarbeitenden, die Angehörigen und die betreuten Menschen selbst. Eine Leitung, die diese Website liest, tut gerade das.
Zum Weiterlesen
Kapitel 6, Was die Organisation vorher geklärt haben muss. Die Herleitung mit den Belegen aus der Fachliteratur und dem Verfahren, mit dem Führungsverständnis der Stiftung Feld für Feld.
Hilfsmittel zum Ausdrucken. Selbstprüfung für die Leitung · Das Grundlagengespräch · Der Notfallplan aus Sicht der Zusammenarbeit