Wege zur Qualität Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen

Wege zur Qualität · Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen

6 Was die Organisation vorher geklärt haben muss

Alles, was die vorigen Kapitel beschreiben, geschieht in einem Rahmen, den die Leitung setzt. Die Leitlinien stellen diesen Rahmen an den Anfang; hier steht er am Ende, weil die Betroffenheit in der Situation entsteht. Dieses Kapitel richtet sich an die Leitung und beschreibt, was bei herausfordernden Verhaltensweisen von Erwachsenen mit kognitiven Beeinträchtigungen geklärt sein muss, und wie Wege zur Qualität Führung versteht.

Frage«Was kann die Leitung vorbeugend organisieren?»HilfsmittelSelbstprüfung für die Leitung

Die Situation

Die Leitung wird oft erst mit der Problematik konfrontiert, wenn das Team an seine Grenzen stösst und Klagen laut werden, oder sich ein konkreter Vorfall ereignet hat. Sie muss sich dann den Ansprüchen vom Bewohner, den Mitarbeitenden, den Mitbewohnenden, den Angehörigen, der Aufsicht und der Kostenträger stellen. Die Forschung zeigt, dass Leitungspersonen alle Verhaltensweisen als herausfordernder bewerten als die Mitarbeitenden selbst; das lässt sich als Ausdruck dieser Gesamtverantwortung lesen und als Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitenden (Calabrese & Georgi-Tscherry, 2018).

Im Besten Fall fragt die Leitung präventiv, was sie für solche Fälle tun kann. Spätestens aber nach einem Vorfall stellt sich der Leitung die Frage, was sie hätte tun können, und was sie jetzt tun soll. Die Antworten, die naheliegen, sind aus der Praxis bekannt. Knapp sechzig Prozent der Schweizer Institutionen haben wegen herausfordernder Verhaltensweisen Anpassungen vorgenommen, und die meisten davon sind strukturell und aufwendig: Konzepte erarbeitet, Weiterbildungen organisiert, Personal aufgestockt, externe Fachpersonen beigezogen, umgebaut, eine Meldestelle eingerichtet (Zambrino, Büschi & Calabrese, 2023). Eine Institution hat das Thema zum Standardtraktandum der Geschäftsleitung gemacht (ebd.).

Was davon in der eigenen Einrichtung nötig ist, lässt sich nicht aus einer Liste ablesen. Es hängt davon ab, was die Einrichtung ist, wofür sie steht und wie sie geführt wird.

Was die Fachliteratur festhält

Die Leitlinien HEVE beginnen nicht beim Fallverstehen, sondern bei der Organisation. Die organisationalen und strukturellen Aspekte sind dem Umgang mit herausfordernden Verhaltensweisen vorgelagert und «in einem ersten Schritt anzugehen, wobei die Verantwortung dafür auf der Leitungsebene zu verorten ist» (Leitlinien HEVE, 2023, Kap. 2). Die Forschung sagt es kürzer: Prävention ist «zuerst und immer auch ‹Chefsache›» (Calabrese & Kasper, 2019).

Zur Institutionskultur nennen die Leitlinien drei Grundlagen. Erstens ein klar definiertes, transparentes Leistungsangebot und ein Leitbild, das die zentralen Werte, Haltungen und das agogische Konzept vermittelt und dadurch ein gemeinsames Verständnis für die Arbeit schafft. Zweitens ein Führungsverständnis, das auf Offenheit und Ehrlichkeit beruht, Beteiligung und Austausch für Mitarbeitende sämtlicher Hierarchiestufen ermöglicht und die Gesunderhaltung und Entwicklung aller Personen zum Ziel hat. Drittens den Umgang mit Sicherheit und Schutz, bei betreuten Menschen und bei Fachpersonen, und ein angemessenes Risikomanagement, beides als zentrale Führungsaufgaben (Leitlinien HEVE, 2023, Kap. 2.1).

Zur Institutionsstruktur gehören die an den Bedürfnissen orientierte Gestaltung und Grösse der Gruppen, eine stabile Finanzierung, eine Personalstruktur mit angemessener Durchmischung und Passung zur Klientel, eine zentrale Meldestelle für Gewaltvorfälle nach der Charta Prävention, die Vernetzung der Bereiche Wohnen, Arbeit und Therapie, die interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb und ausserhalb der Institution und eine gepflegte Zusammenarbeit mit den Angehörigen (ebd., Kap. 2.2). Die Infrastruktur soll Interaktion und Rückzug zulassen und regelmässig überprüft werden (ebd., Kap. 2.3). Die Angebote für die betreuten Menschen sollen vielfältig sein und den Sozialraum über die Institution hinaus erweitern (ebd., Kap. 2.4). Und für die Fachpersonen braucht es regelmässige, niederschwellige Weiterbildung, Supervision, Intervision, Fachberatung und genügend Reflexionsgefässe im Alltag, mit besonderem Augenmerk auf die psychische Gesundheit (ebd., Kap. 2.5).

Calabrese und Kasper beschreiben die Aufgaben der Einrichtung aus derselben Richtung: eine klare und wertschätzende Haltung vermitteln, Absprachen und Regelungen einhalten und besprechen, offen sein für begründete Unterstützungsanliegen der Teams, kleine und überschaubare Wohneinheiten einrichten, Arbeit und Therapie verpflichtend einbeziehen, ein positives Arbeitsklima fördern, Sicherheits- und Krisenkonzepte erarbeiten (Calabrese & Kasper, 2019). Über die einzelne Einrichtung hinaus verlangen sie Institutionenverbünde, die schwierige Begleitsituationen gemeinsam tragen, und Kantone, die die Finanzierung solcher Situationen absichern (ebd.).

Dass die Kultur den Ausschlag gibt, zeigt sich am deutlichsten bei der Meldestelle: Sie braucht strategische Einbettung, Ressourcen und die aktive Unterstützung der Leitung, und sie wirkt nur, wo die Leitung Meldungen ernst nimmt und als Anstoss für Entwicklung nutzt (Calabrese, Clavadetscher & Gross, 2025).

Die Fachliteratur beschreibt damit, was eine Leitung sicherstellen muss. Wie eine Leitung führen soll, damit es entsteht, ist nicht ihr Gegenstand. Es ist der Gegenstand von Wege zur Qualität.

Was Wege zur Qualität dazu beiträgt

Die Stiftung Wege zur Qualität hat 2022 ein Arbeitspapier zum Führungsverständnis in Organisationen der Beziehungsdienstleistung vorgelegt. Es beschreibt Führung Feld für Feld, und die drei Grundlagen der Leitlinien finden sich darin wieder.

Das Leitbild, das ein gemeinsames Verständnis schafft, ist Feld 1. Führung heisst dort, den Mitarbeitenden den Sinn ihres Tuns nahezubringen und ihnen dadurch Richtung und Orientierung zu geben; das Arbeitspapier nennt es Führen mit Sinn. Es vertritt die Werte des Leitbildes gegenüber Mitarbeitenden, Angehörigen, zuweisenden Stellen und Behörden, ermöglicht die fortlaufende Auseinandersetzung damit und sorgt dafür, dass Konzepte und Alltag mit dem Leitbild im Einklang stehen (Stiftung Wege zur Qualität, 2022, S. 6). Das Leistungsangebot, das die Leitlinien daneben stellen, ist die Aussenseite desselben Feldes: die Aufgabe, die die Institution sich gibt und für die sie öffentlich anerkannt wird (Fischer, 2023, Feld 1, S. 18–19).

Das Führungsverständnis mit Offenheit, Beteiligung und dem Ziel der Gesunderhaltung und Entwicklung aller ist bei Wege zur Qualität kein Zusatz, sondern der Kern. Das Arbeitspapier hält fest, dass Führung früher von Distanz, Unanfechtbarkeit, Kontrolle und alleinigem Bestimmungsrecht geprägt war, und dass heute Nähe, Selbstreflexion, Beziehung und Vertrauen gefragt sind. Führung stellt sich in den Dienst der Aufgabe und der tätigen Menschen und hat das Ziel, Mitarbeitende so zu begleiten, dass sie ihr Potenzial für die Aufgabe nutzbar machen und sich fachlich und persönlich entwickeln können (Stiftung Wege zur Qualität, 2022, S. 4). Beteiligung über alle Hierarchiestufen ist dabei Feld 2: Verantwortung wird nicht von oben verteilt, sondern übernommen, und die Dynamische Delegation beschreibt, wie das ohne Willkür und ohne Endlosdiskussion geschieht (ebd.; Fischer, 2023). Das Arbeitspapier benennt auch, was Führung dabei ist und bleibt: Macht. Sie ist nichts Verwerfliches, solange sie der Aufgabe und den Bedürfnissen des Gegenübers dient; unreflektiert zum eigenen Vorteil eingesetzt, wird sie zur Gewalt (Stiftung Wege zur Qualität, 2022, S. 4).

Sicherheit, Schutz und Risikomanagement sind Feld 6, und das Arbeitspapier ist hier so deutlich, wie es die Leitlinien verlangen. Führung heisst, sich dafür einzusetzen, dass Autonomie und Unversehrtheit der begleiteten Menschen immer gewährleistet bleiben; sie toleriert keine Form von Machtmissbrauch, Grenzverletzung und Gewalt, handelt bei Grenzüberschreitungen klar und konsequent und sorgt dafür, dass alle von Gewalt betroffenen Menschen Begleitung und Unterstützung erhalten (Stiftung Wege zur Qualität, 2022, S. 9). Das Mittel dafür ist die Vereinbarung, und sie schützt in zwei Richtungen: Sie sichert den anderen die eigene Leistung zu, und sie schützt den eigenen Verantwortungsraum vor Übergriffen (ebd.). Die Leitlinien verlangen Schutz für betreute Menschen und für Fachpersonen.

Die übrigen Anforderungen der Leitlinien finden sich im Arbeitspapier ebenfalls wieder. Die stabile Finanzierung ist Feld 7, Führen durch Ermöglichen: ein aufgabenorientierter, transparenter Umgang mit den Mitteln und der Einsatz bei den Kostenträgern dafür, dass die für das Leitbild nötigen Mittel bereitstehen (Stiftung Wege zur Qualität, 2022, S. 10). Das Handbuch sagt, dass die Mittel nicht da sind, um die Arbeit zu bezahlen, sondern um die Aufgabe zu ermöglichen (Herrmannstorfer, zitiert nach Fischer, 2023, S. 19). Die Angebote für Fachpersonen sind Feld 3 und 9: Führen als Dienstleistung, das sich für Aus- und Weiterbildung einsetzt und Räume schafft, in denen Mitarbeitende ihre Potenziale entfalten können, und Führen als Selbstführen, das Reflexion durch Beratung, Supervision und Schulung ermöglicht und sich selbst bei Bedarf von aussen spiegeln lässt (Stiftung Wege zur Qualität, 2022, S. 7 und 11). Die Zusammenarbeit mit Angehörigen und die Vernetzung der Bereiche gehören zu Feld 5 und 11, in denen Vertrauen und Partizipation nach innen wie nach aussen gepflegt werden (ebd.).

Zwei Dinge fügt das Verfahren hinzu, die in den Leitlinien nicht stehen. Das eine ist Feld 8: Führung setzt sich selbst mit den Grundlagen der Aufgabe auseinander, schafft den Mitarbeitenden Räume dafür und wertet die Reflexionsprozesse aus, Rückblicke, Rechenschaften, Zusammenarbeitsgespräche und die Resonanzen der betreuten Menschen (Stiftung Wege zur Qualität, 2022, S. 10). Das ist die Stelle, an der das institutionelle Lernen der Leitlinien eingerichtet ist und nicht bloss gefordert. Das andere ist Feld 10: Führung nimmt am fachlichen Diskurs teil, erkennt Veränderungsnotwendigkeiten rechtzeitig und macht bei Veränderungen die Betroffenen zu Beteiligten (ebd.). Eine Leitung, die diese Website liest, tut gerade das.

Was das Verfahren nicht liefert, sind die fachlichen Standards, an denen sich eine Organisation messen lassen muss: die Charta Prävention, die kantonalen Vorgaben, die Gruppengrössen und Personalschlüssel, die Ausgestaltung der Meldestelle, die baulichen Anforderungen. Das ist Sache der Verbände, der Kostenträger und der Fachpersonen. Was das Verfahren liefert, ist ein Verständnis von Führung, in dem diese Standards nicht als Kontrolle von aussen erlebt werden, sondern als Vereinbarung, die die Einrichtung selbst mitträgt.

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Quellen zu diesem Kapitel