Wege zur Qualität · Wegleitung Herausfordernde Verhaltensweisen
Rechenschaft nach einem Vorfall
Die persönliche Reflexion vor sich selbst und vor dem Team. Was die Aufgabe für die handelnde Person bedeutet hat, was sie erlebt und gelernt hat. Die Rechenschaft ist die zweite der drei Reflexionsformen des Verfahrens. Sie folgt auf den Rückblick, nach einer bewussten Zäsur, und sie wird entgegengenommen, ohne bewertet zu werden.
Wozu
Nach einem Vorfall verlangen die Leitlinien eine sorgfältige Analyse und keine Schuldzuweisung. Das erste leistet der Rückblick. Das zweite braucht einen eigenen Ort, denn wer im Moment gehandelt hat, trägt danach Fragen mit sich, die in keine sachliche Analyse gehören. Ob sie richtig gehandelt hat. Was der Vorfall mit ihr gemacht hat. Ob sie sich noch zutraut, morgen wieder in dieses Zimmer zu gehen. Die Rechenschaft gibt diesen Fragen einen Ort, an dem sie ausgesprochen werden können, ohne dass jemand darüber urteilt.
Rechenschaft heisst bei Wege zur Qualität ausdrücklich nicht, sich zu verteidigen oder zu rechtfertigen. Die Person stellt sich vor sich selbst und vor das, was sie selbst als richtig erkannt hat, und schaut ehrlich auf ihr Gelingen und ihr Ringen. Das Team hört zu. Und indem es zuhört, nimmt es die Gesamtverantwortung für das Geschehene wieder auf sich und entlastet die Person. Das ist der Grund, warum die Rechenschaft keine Pflichtübung ist. Sie ist die Bedingung dafür, dass jemand danach wieder frei handeln kann.
Wann
Nach dem Rückblick, in derselben Sitzung oder in einer eigenen, aber erst nach einer bewussten Zäsur. Nie vor dem Rückblick, weil sonst die sachlichen Fragen in die persönliche Reflexion hineingetragen werden. Und nie ohne die emotionale Entlastung unmittelbar nach dem Vorfall, denn die Rechenschaft ist keine Erste Hilfe.
Wer
Die Person, die im Vorfall gehandelt hat, legt Rechenschaft ab. Das Team nimmt entgegen. Niemand wird zur Rechenschaft verpflichtet, wer nicht bereit ist, sagt das, und das Team akzeptiert es. Die Gesprächsleitung achtet auf die Spielregeln, und das ist ihre einzige Aufgabe in dieser Phase.
Wie
Die Person bereitet sich vor, mit den Leitfragen unten, und berichtet dann, ohne unterbrochen zu werden. Zehn bis fünfzehn Minuten. Danach schweigt das Team einen Moment, und die Gesprächsleitung dankt. Es werden keine Fragen gestellt, keine Ratschläge gegeben, keine Deutungen angeboten und keine Vergleiche gezogen. Der Bericht wird nicht diskutiert und nicht protokolliert.
Leitfragen
Wie bin ich in die Situation gekommen. Was war meine Absicht in dem Moment. Was habe ich erwartet.
Was habe ich erlebt. Was ist in mir vorgegangen, während es geschah. Wo bin ich an meine Grenze gekommen.
Was hat es mit mir gemacht. Was habe ich in den Tagen danach an mir bemerkt. Hat sich mein Verhältnis zu diesem Menschen verändert, und wie. Hat sich meine Haltung zur Aufgabe verändert.
Was habe ich gelernt. Sehe ich heute etwas anders als vorher. Was würde ich beim nächsten Mal anders machen, und was gleich.
Kann ich mich lösen. Kann ich mich innerlich von dem lösen, was gelungen und was misslungen ist. Was brauche ich, um dieser Person wieder offen zu begegnen.
Worauf achten
Die Spielregeln schützen den Bericht. Ein einziger Ratschlag, eine einzige Nachfrage macht aus der Rechenschaft eine Prüfung, und beim nächsten Mal wird niemand mehr ehrlich berichten. Die Gesprächsleitung greift ein, freundlich und ohne Ausnahme.
Die Rechenschaft ist persönlich, aber nicht privat. Bezugspunkt bleibt die Aufgabe und das Ringen mit ihr. Was nicht mit der Aufgabe zu tun hat, gehört nicht hierher.
Zeigen sich in der Rechenschaft Anzeichen, dass die Belastung nicht abklingt, etwa anhaltende Unruhe, Rückzug oder Angst, ist das kein Gegenstand der Sitzung, aber ein Grund für die Leitung, danach das Gespräch zu suchen und weitere Hilfe zu vermitteln. Die Leitlinien nennen die Anlaufstellen.
Was sachlich zu klären ist, gehört in den Rückblick, nicht hierher. Wenn während der Rechenschaft eine sachliche Frage auftaucht, wird sie notiert und beim nächsten Rückblick aufgenommen.
Die Entlastung ist ein ausdrücklicher Akt des Teams. Sie wird ausgesprochen, nicht vorausgesetzt.
Quelle
Stiftung Wege zur Qualität, Leitfaden Rechenschaft (Arbeitshandbuch, Beurteilungs- und Verbesserungsmanagement). Leitlinien HEVE 2023, Kapitel 7.2. Zur Trennung von Rückblick und Rechenschaft siehe Kapitel 5 und das Hilfsmittel «Teamsitzung nach einem Vorfall».